Der Bulli-Verkäufer

Winfried Holtbecker hat von 1960 bis 2000 Volkswagen-Nutzfahrzeuge an den Kunden gebracht. Er hat mit VW-Bulli.de über seine Erinnerungen und Verkaufserfolge gesprochen.

Winfried Holtbecker

Jahrelang sammelte er das Magazin "Lastauto Omnibus", aber nie hatte er ein Heft "von vorne bis hinten durchgelesen". Doch als im Dezember 2007 das Sonderheft "60 Jahre VW Bulli" erschien, da war es, als ob er noch einmal sein Leben als Autoverkäufer Revue passieren ließ:

Winfried Holtbecker war 40 Jahre lang Nutzfahrzeug-Verkäufer beim Autohaus Gottfried Schultz in Essen. Die Geschichte dieser Firma ist der stetige Aufstieg von einem kleinen Unternehmen zu einem der größten Automobilvertragshändler Deutschlands mit heute rund 1.900 Mitarbeiten in 30 Betrieben. Unter der Verkäufer-Nummer 183-57519 hat Winfried Holtbecker diesen Aufstieg von 1960 bis 2000 mit befördert.

 

Bei einer Automesse in der Essener Gruga-Halle. Foto: Winfried Holtbecker

Der (bei Krupp) gelernte Industriekaufmann begann als Junior-Verkäufer in der Transporter-Crew und erhielt zum Gehalt von 400 Mark monatlich 50 Mark für eine Monatskarte der Essener Verkehrsbetriebe. Und da er keinen Dienstwagen (und auch noch keinen Führerschein) hatte, akquirierte er seine Kunden mit der Straßenbahn.

Planmäßig suchte er die Eigentümer sämtlicher Metzgereien auf, um ihnen den Transporter schmackhaft zu machen. Erst als Vertretung im Verkaufsgebiet eines Pkw-Kollegen durfte Holtbecker dann mit einem unsynchronisierten, mausgrauen Standard-Käfer ausnahmsweise auf Kundenfang fahren.

 

Das Autoverkäufer-Team. Foto: Winfried Holtbecker

Erste technische Erfahrungen sammelte Holtbecker mit der Stufenregulierscheibe an der Startautomatik des synchronisierten Käfers und der damit verbundenen Bimetall-Feder. "Ich habe von Technik auch heute noch keine Ahnung, ich kann sie nur verkaufen", erinnert sich der Pensionär, der kürzlich "endlich mal wieder mit einer Caravelle, einem Auto mit Charakter" unterwegs war und solchen Autos immer mal nachtrauert, wenn er in seinen Touran mit Benzinmotor steigt.

Besonderen Respekt erwarb er sich, als er einmal auf dem Gebrauchtwagenplatz "Wache schob" und dabei einen Skoda losschlug, während die schon etablierten Kollegen zum "Fachgespräch" in eine Kneipe gingen. Das Fahrzeug war der Firma aus einer geplatzten Finanzierung zugefallen und stand nun auf dem Hof. Damals ahnte noch niemand, dass die Marke Skoda einmal den Volkswagen-Konzern bereichern würde und auch Holtbeckers Chef  konnte noch nicht wissen, dass man aus dem After-Sales-Geschäft mehr Nutzen ziehen konnte als aus der Verkaufsprovision.

 

2. Oktober 1962: Der 1.000.000 VW Transporter läuft im Werk Hannover vom Band.

Ein Goggomobil-Kastenwagen mit elektromagnetischem Vorwählgetriebe war das erste von Holtbecker verkaufte Nutzfahrzeug. 1961 erhielt er ein festes Verkaufsgebiet, also volle Provision und ein Fixum. Eine blaue T1 Pritsche war sein Dienstwagen. Im damaligen Ausstellungsraum sahen die Kunden Käfer und Cabrios, aber nur selten einen Transporter. Diese wurden sozusagen vorgeführt. Stolz ist Holtbecker auf seine Verkaufserfolge: Jeden dritten Tag ein Auto an den Kunden zu bringen, fällt heutzutage vielen Autoverkäufern schwer.

Noch heute weiß Holtbecker die wichtigsten Preise auswendig: Ein verglaster Samba-Bus mit Schiebedach kostete 8.475 Mark, ein Pritschenwagen mit Plane und Spriegel 5.995 Mark.

Zieht Holtbecker Bilanz, kommt auch ein bisschen Wehmut in die Freude. Autos verkaufen hat wohl früher mehr Spaß gemacht als in den 90ern. In den 60er Jahren trug der Campingwagen auf Basis T2 noch den klangvollen Namen SO34. Jedes Frühjahr versammelten sich in der Essener Gruga-Halle die Marktführer der Wohnwagen-Szene wie Tabbert, Wilk und Westfalia.

 

Diese vier Bulli-Generationen hat Winfried Holtbecker verkauft.

Man traf sich in einem zur Bar umfunktionierten langen Wohnwagen des Westfalia-Teams. "Ich erinnere mich daran, dass ich die SO34 zwar verschiedenen Leuten gezeigt habe, aber von ernsthaften Interessenten, geschweige denn Käufern weiß ich nichts mehr. Die gab es wohl auch nicht. Was mir jedoch lebhaft in Erinnerung geblieben ist, war der erhebliche Alkoholkonsum zu den westfälischen Schinkenschnittchen."
                                                                                                                        
Schinkenschnittchen wurden dann auch wieder Ende der 70er Jahre gereicht, als die T2 Modelle Helsinki und Berlin hießen und schließlich 1980 vom Joker der T3-Serie abgelöst wurden. Inzwischen gab es zwei Messen und ordentliche Verkaufserfolge. Unbeantwortet lässt Winfried Holtbecker die Frage, ob der Modellwechsel oder eine geänderte Verkaufsphilosophie den entscheidenden Ausschlag dafür gegeben hat.

Ernst Bauer