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Simsen - bis es kracht

Sie wollte Auto fahren und gleichzeitig am Handy Nachrichten lesen. Dabei knallte die junge Frau von hinten auf zwei Rennräder und verursachte einen schrecklichen Unfall: Ein Toter, ein Schwerverletzter. Zwei Jahre Gefängnis auf Bewährung lautete jetzt das Urteil.

App - oder ab ins Gefängnis? ©Allianz

Einer der Radfahrer, ein 47 Jahre alter Fitness-Trainer aus Ludwigsburg, wurde dabei so schwer verletzt, dass er noch im Rettungshubschrauber starb.Sein zehn Jahre jüngerer Freund konnte nur mit mehreren Operationen vor einer Querschnittslähmung bewahrt werden. Jetzt hat das Landgericht Stuttgart die heute 21 Jahre alte Frau zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt – ein Urteil, das gleich zweifaches Aufsehen erregt.

Angeklagt worden war sie wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung sowie wegen versuchten Mordes durch unterlassene Hilfeleistung. Denn nach dem Unfall im August 2014 war sie zunächst weiter gefahren, hatte dann angehalten, ihre Schwester angerufen und kehrte nach einigen Minuten zur Unfallstelle zurück. Vor Gericht erklärte sie ihr Verhalten mit Panik. Außerdem behauptete sie zeitweise, ein schwarzes Fahrzeug sei am Unfall beteiligt gewesen – doch das erwies sich als unwahr.

Gefahrenquelle Navigation am Steuer ©Computer-Bild

Die Strafkammer sah es als erwiesen an, dass die Autofahrerin sich beim Simsen ablenken ließ und deshalb die beiden Rennradler nicht im Blick hatte – und das mindestens neun Sekunden lang, bis es krachte.  Das verhältnismäßig milde Urteil und die Bewährung wurde von der Richterin damit begründet, dass die Angeklagte im Verfahren glaubhaft tiefe Reue zeigte. Zudem hatten die beiden Nebenklägerinnen über ihren Anwalt erklären lassen, sie seien nicht dafür, dass die Autofahrerin ins Gefängnis müsse, zumal sie vor wenigen Monaten Mutter wurde. Jetzt muss sie sich einer Psychotherapie unterziehen und 250 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

Wie sehr die Gefahr des Simsens am Steuer ist, zeigt eine aktuelle Studie (ipsos-Marktforschung, 2000 Befragte über 14 Jahre, November 2015) des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR). Demnach wird Telefonieren als der gefährlichste Ablenkungsfaktor (78 Prozent) genannt, das Lesen oder Schreiben von SMS rangiert erst an zweiter Stelle (73 Prozent), obwohl es mehr Aufmerksamkeit erfordert. An dritter Stelle rangieren Internet, Facebook und twitter und erst danach folgt die Navigation.

Der DVR weist darauf hin, dass nach Schätzung von Experten jeder zehnte Verkehrsunfall durch Ablenkung verursacht wird. Wenn der Blick auf das Display des Smartphones nur zwei Sekunden dauere, lege man bei einer Landstraßenfahrt und einem Tempo von 100 km/h bereits 56 Meter im Blindflug zurück. Der DVR appelliert an alle Verkehrsteilnehmer, Ablenkung beim Fahren möglichst zu meiden. Die Unfallforschung hat in letzter Zeit weitere Ablenkungsquellen ausgemacht: Kopfhörer oder Smartphones beeinflussen auch Rad- und Mopedfahrer, ebenso Fußgänger.

von Ernst Bauer