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Selbstüberschätzung: Eine Gefahr beim Autofahren

Spricht man mit Autofahrern, dann bekommt man den Eindruck, fast 100 Prozent der Fahrer seien Profis. Doch natürlich ist das nicht so. Und die Selbstüberschätzung birgt Gefahren.

 ©Goslar Institut

Kennen Sie jemanden, der von sich selbst behauptet, er sei ein schlechter Autofahrer? Dabei ist Selbstüberschätzung gerade im Straßenverkehr ein Sicherheitsrisiko. Zu hohes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten geht mit dem Unterschätzen von Unfallgefahren einher, wie der Verkehrspsychologe bei der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), Dr. Hardy Holte, weiß. Deshalb warnt er, gemeinsam mit anderen Fachleuten, vor der gefährlichen Selbstüberschätzung – gerade am Steuer.

Die Überbewertung eigener Kompetenz am Steuer und die Unterbewertung bis zur Bagatellisierung von Unfallgefahr sind durchaus häufige Phänomene beim Autofahren. Zu der verzerrten Wahrnehmung kann es laut Holte vor allem bei Autofahrern leicht kommen, die bislang noch keinen Unfall verursacht haben, denen aber bereits riskante Fahrmanöver gelungen sind. Statt der Einsicht, noch einmal Glück gehabt zu haben, entsteht nicht selten die Überzeugung, ein guter Autofahrer zu sein, warnt das Goslar Institut für verbrauchergerechtes Versichern.

So führt ein Mangel an Selbstkritik bzw. Selbsterkenntnis am Ende zu gefährlicher Selbstüberschätzung. Das geschieht nach den Erfahrungen der Fachleute vor allem auch dann, wenn das eigene Urteil und die Wahrnehmung von Geschwindigkeiten und Entfernungen etwa durch Alkohol, Drogen oder Müdigkeit „getrübt“ sind, wie Dr. Hardy Holte erläutert. Typisch dafür sind müde werdende Fahrer, die meinen, alles im Griff zu haben und keine Pause einlegen zu müssen. Nicht umsonst findet sich mittlerweile in vielen Autos ein Müdigkeitswarner. Nach Einschätzung des ADAC kam es im Jahr 2020 durch Sekundenschlaf oder Übermüdung am Steuer zu über 1400 Unfällen mit Verletzten oder Toten.

Ein weiteres höchst bedenkliches Urteil über Fehleinschätzungen von Kraftfahrern fällt der Psychologe Klaus Peter Kalendruschat vom TÜV Nord: „Übermäßiges Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben vor allem diejenigen, die am wenigsten Grund dazu haben“, stellt der Experte gegenüber der „Saarbrücker Zeitung“ fest. Er bringt die Tendenz zur Selbstüberschätzung knapp auf den Punkt mit der Feststellung: Schlechte Autofahrer halten sich häufig für die besten. Und die sind zudem in der Regel noch fest davon überzeugt, dass die anderen alle unfähig sind.

Die Ursachen für diese falsche Selbstwahrnehmung haben die Psychologen Justin Kruger und David Dunning von der Cornell University in Ithaca im US-Bundesstaat New York untersucht. Sie meinen, dass offenbar bestimmte Fähigkeiten nötig sind, um die eigenen Fähigkeiten überhaupt realistisch beurteilen zu können. Dieses Phänomen ist inzwischen als Dunning-Kruger-Effekt Stand der Wissenschaft: Demnach erkennen Menschen eigenes Unvermögen umso schlechter, je weniger sie sich auf einem Gebiet auskennen. Anders gesagt: Inkompetente Menschen überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten auffällig oft, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Beim Autofahren sei der Dunning-Kruger-Effekt besonders ausgeprägt, warnt TÜV-Nord-Psychologe Kalendruschat. Denn diese Fertigkeit verbinde man mit Autonomie und Erwachsenwerden. Im Sinne der allgemeinen Verkehrssicherheit dürfe man die an Selbstüberschätzung leidenden Menschen jedoch nicht in ihrem Irrglauben lassen, warnt der Experte, weil die falsche Einschätzung der eigenen Fähigkeiten am Steuer die Risikobereitschaft steigert. Kalendruschat hält es deshalb für sinnvoll, Kraftfahrern die Einsicht zu vermitteln, dass in vielen kritischen Situationen auch die besten Fahrkünste nichts mehr helfen. Wer sich dies bewusst macht, fahre vorsichtiger und vorausschauender.

aum