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Buchtipp: Bulli-Sabbatical am Atlantik

Martin Röhrig hat das gewagt, wovon die meisten nur träumen. Er hat Job und Alltag hinter sich gelassen und ist mit seinem Bulli losgefahren. Sein Buch "Schlafen. Surfen. Mein Bulli-Sabbatical am Atlantik." hat Heiko Wacker nun gelesen und rezensiert.

 ©Delius-Klasing

Zwei Jahre ist es nun her, dass Martin Röhrig das wagt, was viele von uns auch gerne täten: Er gönnt sich eine Auszeit vom Alltag, lässt Job und Hamburg weit hinter sich, um einfach entlang des Atlantiks und des Mittelmeers die große Runde gegen den Uhrzeigersinn zu drehen. Und gegen den Trott der Tristesse natürlich. Inzwischen hat er seine Erlebnisse in ein Buch fließen lassen: „Schrauben. Schlafen. Surfen. Mein Bulli-Sabbatical am Atlantik“ wird seinem Titel dabei durchaus gerecht.

Als stilechtes Gefährt der Reise gönnt sich Martin einen T2-Camper mit 70 PS – und einer ganzen Menge Patina im Gebälk. Die stete Suche nach einer Werkstatt ist wie ein roter Faden im Buch, und für all diejenigen, die den verschiedenen Arten des Wassersports nur wenig abgewinnen können, ein steter Quell des Mitfühlens: Verteilerfinger machen Probleme, Benzinschläuche zeigen Auflösungserscheinungen, und spätestens im Südwesten Europas ist eine tief greifende Revision des Boxers fällig, der dann am Ende der Reise auch noch säuft wie ein Loch. Ob das an der Falschluft liegt, die der Zwoliter ansaugt – Bremsenreiniger hilft auch hier Wunder, dreht der Motor plötzlich hoch, hat man das Leck lokalisiert – sei einmal dahin gestellt.

Davon abgesehen geht es Martin jedoch vor allem um seinen Wassersport. Dass er am Ende des Buchs zunächst seine Sportgeräte listet, und erst dann auf Keilriemen und Werkzeugkasten verweist, ist bezeichnend, die ADAC-Karte ist das wichtigere Utensil, Schlautelefon und Tablet natürlich auch. Selbst einen Drucker hat er mit, den er indes nur einmal braucht.

Denn Nightspots werden vor allem über soziale Medien gesucht, Google und Bewertungsportale sind die Reiseleiter der Jetztzeit, die Kreditkarte ist der stete Helfer in der Not, die finanziellen Reserven sichtlich opulent: Dass eine zwischenzeitlich getroffene Freundin mit „richtigen“ Karten navigiert, das scheint dem Autor allenfalls ein müdes Lächeln abzuringen.

Sich selbst gegenüber ist er freilich auch ehrlich: Mangelnde Schrauberkenntnisse, das Bezahlen von Lehrgeld beim Kauf von „Smurfy“ oder Peinlichkeiten des Reisealltags gibt er unumwunden zu. Auch hier fühlt man mit, man denke nur an die Erfahrung mit der „Andouille“. Kleiner Tipp: Erst probieren – dann nachschauen, aus was diese Wurstspezialität gemacht wird, mit der man sich bei unseren Freunden jenseits des Rheins auch herrlich beleidigen kann. (Nein, das ist jetzt kein Witz, jemanden als „Andouille“ zu bezeichnen, das ist durchaus beleidigend.) Wobei es durchaus vorstellbar ist, dass das im Bezug auf Seite 54 tatsächlich passiert: Nein Martin, die Bretonen sollte man nicht mit den Basken verwechseln, die einen wohnen in Frankreich oben links, die anderen unten links.

Wirklich fein sind hingegen die diversen Stellplatztipps, die sich quer durchs Buch ziehen, speziell Surfer werden hier ihre Freude haben, wie auch das ganze Buch eher die Wasserratten beglücken dürfte, ständig wird gesurft und gekitet. Leider bringt das, wie auch die stete Wiederholung abendlicher Bier- und Grillrituale, Längen ins Buch, dem man statt dessen durchaus noch mehr Reisephilosophie hätte mit auf den Weg geben können. Immerhin aber hat auch Martin erkannt, dass ein Bulli ein Kumpel ist, und kein reines Fortbewegungsmittel. Aber ein Sabbatjahr ist ja auch keine normale Reise ...

Martin Röhrig: Schrauben. Schlafen. Surfen. Mein Bulli-Sabbatical am Atlantik. Delius Klasing Verlag Bielefeld 2018, 220 Seiten, gebunden, 105 Fotos und Abbildungen, 156 x 233 mm, ISBN 978-3-667-11249-1, 19,90 Euro.

Heiko P. Wacker