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Buchtipp: Woodstock - neulich vor 50 Jahren

Eigentlich war Woodstock "nur" ein Musikfestival. Doch es wurde mehr daraus: Ein Symbol für den Aufbruch in die Hippie-Ära. Heiko Wacker hat das neue Buch "Woodstock. Three Days of Love and Peace" gelesen und kann es wärmstens empfehlen.

 ©Delius-Klasing

Woodstock? Ein Phänomen, ein Mythos – eigentlich aber „nur“ als Musikereignis geplant. Doch haben sich die Macher des Festivals, das sie unter dem Motto „Three Days of Peace & Music“ auf die Beine stellen, gründlich verschätzt. Mit lediglich 50.000 Besuchern wurde noch vier Wochen vor dem Wochenende geplant, am Ende waren es 500.000. Und eine weitere Viertelmillion stand im Stau vor der Milchfarm des Herrn Max Yasgur. So entstehen Legenden. Mit dem Wetter hat das nichts zu tun.

Denn so gut die Stimmung ist, so mies zeigt sich das Wetter, der natürliche Talkessel rund um die Bühne verwandelt sich nach den Wolkenbrüchen in einen schlammigen Untergrund. Die Organisatoren fürchten Kurzschlüsse, wurde die Bühnen- und Soundtechnik doch eher hemdsärmelig verlegt, die Hippies vor Ort genießen den Ausnahmezustand in jenem August 1969. und natürlich die insgesamt 33 Konzerte.

Und um die vor allem geht es auch Julien Bitoun, der das gesamte Festival minutiös nachzeichnet – vom Beginn am 15. August 1969 um 17:05 Uhr mit Richie Havens bis hin zum folgenden Montagvormittag. Denn Jimi Hendrix verlässt erst kurz nach 11.00 Uhr (!) die Bühne, vor der noch gut 40.000 Unentwegte ausharren, noch betäubt von dem, was sie erleben durften.

Denn praller konnte man sich ein solches Ereignis kaum ausmalen, das Festival brach auch zahlreiche Rekorde. Nicht nur, dass es bald zur Gratisveranstaltung wurde, und eine Million Dollar Verlust einspielte, und Verpflegung von fleißigen Helfern aus der Umgegend oder gleich per Hubschrauber kam, sondern auch wegen der fast schon absurd friedlichen Stimmung mitten in all dem Chaos: „Eine halbe Million junge Leute können zusammenkommen und drei Tage lang Spaß haben und Musik genießen. Möge Gott euch dafür segnen“, meinte „Gastgeber“ Max Yasgur nur.

Über Woodstock ist im letzten halben Jahrhundert viel geschrieben worden, von der cineastischen Aufarbeitung ganz abgesehen. Und auch in die Exzesse der Hippies wurde viel Interpretationsarbeit investiert, wobei die Suchscheinwerfer allzu oft auf nackte Haut – die gab es natürlich auch – fokussierten, und die Musik dabei ein wenig bei Seite geschoben wurde. Doch um die ging es ja eigentlich, und so setzt ihr das kürzlich erschienene Monumentalwerk „Woodstock - Three Days of Love and Peace” ein mehr als angemessenes Denkmal.

Immerhin trat die Creme de la Creme der Weltrockmusik auf, die Megastars des Blues und Folk: Janis Joplin, die sich die Seele aus dem Leibe schreit, Sly and The Family Stone in voller musikalischer Eruption, Joe Cocker, der an diesem Tag zum Weltstar wird. Johnny Winter, geisterhaft begeisternd, Ten Years After in verzückter Entrückung. Und Jimi Hendrix, der bald in sich gekehrte, bald explodierende Virtuose, der mit seinem 130 Minuten dauernden Auftritt den großen Schlusspunkt setzte, und den furiosen Abschlusstag beendete. Am späten Montagvormittag, wie gesagt, Joe Cocker hatte am Sonntag um 14.00 die letzte Runde eingeläutet. Irre!

Der 240 Seiten umfassende Band dokumentiert alle Auftritte und alle Bands samt ihrer Mitglieder, er liefert Daten und Fakten zu Songs und Hintergründen, und natürlich die Dauer aller Gigs und die zugehörige Setlist. Neben diesen reinen Daten verdichtet das wirklich fein gemachte Buch die Geschehnisse zusätzlich mit 127 Farb- und 54 Schwarzweißfotos – wobei auf all den Bildern nur ein einziger VW Bulli zu sehen ist, das sei nicht verschwiegen. Doch wie bei manchen Künstlern so gilt auch beim Bulli: Die wirklich großen Namen müssen nicht zwangsläufig auf der Bühne stehen. Entsprechend nimmt sich das Buch Zeit, auch jene Bands zu beleuchten, die eben nicht dabei waren, wie Led Zeppelin, Joni Michell, Frank Zappa, die Rolling Stones oder Bob Dylan, der lieber auf der Isle Of Wight auftrat.

Sei‘s drum, dem Festival tat dies keinen Abbruch, es ist als Manifest der Hippiezeit nicht aus der jüngeren Geschichte wegzudenken, auch wenn es der Traum von „Peace & Love“ gerade in unseren Tagen nicht eben leicht hat. Um so wichtiger sind Bücher wie dieses, an dem jeder, der auch nur einen Funken Liebe zur Musik, auch nur einen Hauch von Sehnsucht nach wirklicher Freiheit in sich spürt, seine Freude haben wird.

Julien Bitoun: Woodstock. Three Days of Love and Peace. Französischer Originaltitel: „Woodstock Live“, übersetzt von Ursula Bachhausen. Delius Klasing Verlag Bielefeld 2018, 240 Seiten, gebunden, 54 s/w Bilder & 127 Farbbilder, 215 x 285 mm, ISBN 978-3-667-11411-2, 39,90 Euro.

Heiko P. Wacker