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Nach 54 Jahren: Erster Radar-Bulli entdeckt

54 Jahre lang stand ein ganz besonderer VW T1-Kombi in einer Scheune. Jetzt schmückt der gut erhaltene „Barndoor“ die Oldtimersammlung von VW Nutzfahrzeuge. Er war der erste Radar-Bulli Niedersachsens.

Heinz Scholze in seiner alten Uniform

 ©Kai-Uwe Knoth

Seine beiden Flügeltüren an der rechten Seite waren nicht verdächtig. Eher schon eine kreisrunde Ausbeulung an der linken Heckseite, die mit einer Halbkugel in Wagenfarbe getarnt wurde. Auffallend groß war die Heckscheibe. Hinter ihr konnte man merkwürdige Geräte erkennen, die auf einer Platte über dem platziert wurden.  

Mit diesen äußerlichen Änderungen hatten Techniker der Polizeischule in Wennigser Mark in der Region Hannover das blaue Einsatzfahrzeug zum landauf, landab bekannten Mess- und Schulungsfahrzeug umgebaut, in dem Polizisten lernten, mit Radarstrahlen Temposünder beweissicher zu überführen. Ob sein Kennzeichen „H 1984“ ein versteckter Hinweis auf George Orwells Roman sein sollte, könnte Zufall oder Absicht gewesen sein. Was dahinter steckte, sprach sich schnell herum.

Der frühere Arbeitsplatz im Radar-Bulli

 ©Kai-Uwe Knoth

Lange Zeit ohne Tempolimit

Zum damaligen Neupreis von 6750 DM hatte die Polizei-Beschaffungsstelle Niedersachsen 1953 den T1 mit 18 kW/25 PS-Motor (Hubraum 1131 ccm) gekauft. Zunächst war das heute 66 Jahre alte Auto im täglichen Einsatz. Dann wurde er zum Messfahrzeug umgerüstet. Hintergrund:

Bis 31. August 1957 gab es auf unseren Straßen keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Dann folgte Tempo 50 in der Stadt. Auf Bundes- und Landstraßen wurde erst 1972 das damals lange umstrittene Tempo 100 eingeführt. An einer Landstraße zwischen Düsseldorf und Ratingen fand am 16. Februar 1959 die erste Radarmessung statt. Damit begann ein neues Zeitalter der Verkehrsüberwachung. Temposünder wurden bis zu diesem Zeitpunkt von hinterherfahrenden Streifenwagen oder mit Stoppuhrmessungen überführt. Die Physikalisch-Technischen Bundesanstalt Braunschweig (PTB) war letztendlich für die Freigabe des von Telefunken entwickelten Systems zuständig und genehmigte im Dezember 1958 den offiziellen Einsatz, der somit auch gerichtsverwertbar wurde.

Über der Barndoor sieht man den Radarschirm

 ©Kai-Uwe Knoth

Saubere Dokumentation

Wenn der Bulli zu Tempomessungen unterwegs war, parkte er möglichst unauffällig am Straßenrand. Hinter dem großen Heckfenster in der großen Hecklappe (Barndoor genannt) verbarg sich geballte technische Kompetenz:  Das Verkehrsradargerät VRG 2 der Firma Telefunken. Wesentlichstes Bauteil war die Antenne, damals fast so groß wie ein kleiner Fernseher. Dazu kam noch das Fototeil, das Mess- und Anzeigeteil und eine aufwändige Verkabelung für die Stromversorgung. Dokumentiert wurde die Messung mit einem Foto, das eine „Fliegeruhr“ für Datum und Uhrzeit zeigte und – raffiniert eingespiegelt – das von einem Anzeigeinstrument ermittelte Messergebnis.

Bis August 1964 wurden mit diesem Radar-Bulli Polizisten geschult. Dann wurde der Kleinbus ausgemustert und versteigert. Ein gelernter Kfz-Handwerksmeister erwarb das leere Auto, fand aber nie die Zeit, es nach seinen Vorstellungen umzubauen. Bis zum vergangenen Sommer stand es in verschiedenen Scheunen oder Garagen, bis es von Volkswagen Nutzfahrzeuge Oldtimer in Hannover-Badenstedt aufgespürt und „für einen angemessenen Preis“ gekauft wurde. Es klingt unglaublich: Das Schätzchen parkte versteckt in unmittelbarer Nähe zu der historischen Sammlung von Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWNO) in Limmer.

Projektleiter Tobias Twele (ganz rechts) lässt den Radar-Bulli präsentieren

 ©Kai-Uwe Knoth

Neuer Akku, alter Sound

Tobias Twele (Projektleiter VWNO): „Es ist eine große Freude, diesen seltenen Bulli nun in unserer Sammlung zu haben und ihn auch der Öffentlichkeit vorzustellen. Dieser Transporter der ersten Generation beeindruckt mit seiner besonderen Geschichte und seinem authentischen Zustand. Nach 54 Jahren Standzeit genügte ein Motorölwechsel, eine neue Starterbatterie und eine Tankfüllung – dann konnte man den Zündschlüssel umdrehen und dann war es da, das wohlbekannte Brummen des luftgekühlten Boxermotors…“

Twele möchte das Zeitdokument auf vier Rädern sogar mit seinem jahrzehntealten Staub der Nachwelt erhalten. In einer Pressekonferenz wurde es jetzt erstmals in Limmer gezeigt. Dabei war auch der ehemalige Polizeihauptmeister Heinz Scholze (89). Er zog sich den alten, blauen Polizeimantel über, setzte sich auf einen Holzstuhl, drehte an den Reglern und erlaubte sich einen kleinen Scherz: „Gebt mir 15 Minuten. Dann bin ich wieder voll drin. Dann kann es von mir aus wieder losgehen“. So wie am 8. August 1961 als Teilnehmer des zweiten Radarlehrgangs in Wennigser Mark am Deister.

Leihgabe aus Braunschweig: Das alte Radar-Messgerät

 ©Kai-Uwe Knoth

Heute noch exakte Messungen

Die PTB Braunschweig entlieh aus ihrem Fundus sogar noch die passende Radaranlage zu dem Bulli. Trotz alter Optik und historischer Technik könnte H-1984 heute wieder am Straßenrand eingesetzt werden. Das bestätigt auch Dr. Frank Märtens vom PTB-Fachbereich Geschwindigkeit: „Diese Messanlage ist wie ein alter Rotwein. Sie ist aus unerklärlichen Gründen mit den Jahren sogar noch besser geworden. Das haben Vergleichstests eindeutig erheben. Sie misst auch heute noch sehr genau, ihre Fehlerquote weicht maximal um drei Prozent ab und liegt damit im absoluten Toleranzbereich.“

Da dies erstmal nicht geplant ist, feiert der Bus zum 60-jährigen Jubiläum der mobilen Radarmessung in Deutschland an dem Ort wo alles begann sein Wiedersehen. Das Ruhrgebiet bietet mit der Techno Classica (vom 10. bis 14.April in Essen) dazu den passenden Rahmen.

eba mit Material von VWNO/TT