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"Frühlingsfahrt" mit Hindernissen in Griechenland

Ende der 90er-Jahre lebte Peer Millauer zuerst vier Jahre lang auf einer Segelyacht im Mittelmeer, dann holte er seinen T2 aus der Scheune und bereiste Griechenland per Land. Dabei erlebte er so einiges - und musste manchmal ordentlich improvisieren. Hier lässt er uns an einigen seiner Erlebnisse teilhaben.

So sah das aus. ©Peer Millauer

Hallo Bullifreunde,

vier Jahre meiner Auszeit waren vorbei. Vier Jahre Abenteuer mit der Segelyacht im östlichen Mittelmeer lagen hinter mir und ich tauschte das See-Zigeuner-Leben mit einem Bergdorfidyll auf dem Peloponnes.

Griechenland hatte ich von See her gänzlich bereist, aber noch nicht ganz von Land her erkundet. Was lag also näher, als meinen Bulli wieder flott zu machen, der treu und brav vier Jahre in der Scheune in Deutschland auf die Wiedererweckung gewartet hatte?

VW wäre nicht VW, wenn man nicht die neue Batterie einbaute, den Zündschlüssel drehte, Vollgas gäbe, orgelte und – er lief!

Überführungskennzeichen besorgt, Hab und Gut verladen und ab auf die Fähre nach Patras. Von dort war ich bald zu Hause in meinem kleinen Paradies unterhalb des Panachaikos-Gebirges.

Die Ü-Kennzeichen schickte ich wieder nach Deutschland und montierte das alte Kennzeichen, welches ich schon die ganzen 23 Jahre vorher spazieren gefahren hatte. Es war entwertet worden bei der Abmeldung, das heißt, es hatte keine Stempel mehr.

"Improvisation ist alles", sagte ich mir - und klebte ein 5-Mark Stück in die Lücke – passt! Ein bisschen weiße Farbe, die Konturen des Adlers schwarz nachgezogen – fertig! Sah richtig offiziell aus!

 ©Peer Millauer

Den originalen Fahrzeugschein hatte ich auch noch. Eigentlich wurde der mir mal von ein paar strengen französischen Polizisten abgenommen, weil ich unerlaubterweise an einem See hinter den Atlantikdünen stand - war das 1983 oder 1984? Ich weiß es nicht mehr.

Wenn ich die 100 Francs Strafe zahlte, könnte ich mir den Schein auf der Präfektur wieder abholen, hieß es damals. Dazu hatte ich aber weder Geld noch Lust.

Nach einem herrlichen Urlaub am Atlantik - ich wurde im weiteren Verlauf nicht mehr nach dem Kfz-schein gefragt - meldete ich diesen, zu Hause angekommen, als "verloren" und bekam prompt einen neuen Schein.

Ein Jahr später schicke mir besagte französische Präfektur den Originalschein wieder zu mit der Bemerkung, ich solle doch in Zukunft mehr auf die Gesetze achten, sie hätten beim Ausmisten meinen Schein entdeckt und hätten keinen Platz, ihn aufzubewahren. Fortan hatte ich also zwei Scheine – wie praktisch!

Waren das noch herrlich anarchistische Zeiten!

Um dem Anarchismus aber noch eins drauf zu setzen: Jetzt war ich in Griechenland, dem Mutterland der Anarchie! Das Wort kommt ja auch aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie "Herrschaftslosigkeit".

Ich versicherte den Bus bei einer griechischen Versicherung. Das ging ohne Probleme: Den Kfz-Schein vorgelegt, unterschrieben und fertig.

Zulassung? Fehlanzeige. Der Adler war überzeugend und musste genügen. Auf dem TÜV-Schild des hinteren Nummernschildes half ich mit ein bisschen Farbe nach, aus der 93 wurde eine 98 – wie einfach!

Wer jetzt sagt, das sei kriminell – der hat recht. Eine Rechtfertigung für meine Straftat im Sinne des deutschen StGB gibt es keine. Wenn ich mich umschaute, konnte ich allerdings nicht umhin, festzustellen, dass das griechische Verkehrswesen wunderbar mit einer gewissen Gesetzeslosigkeit leben konnte.

Da führen Autowracks ohne Schilder, Mopeds ohne Auspuff, Lastwagen ohne Bremsen, ich könnte noch einige weitere Exempel hier aufführen. Vielleicht war das ansteckend und ich sah nicht ein, als braver Deutscher der einzige zu bleiben, der den Gesetzen folgend (welchen Gesetzen?) im Verkehr unterwegs war.  ber zugegeben, nur weil viele falsche Dinge tun, werden diese dadurch nicht richtiger...

Ende März 1998: Es sollte mal so langsam Frühling werden. Die Frühlingsblumen bildeten bunte Teppiche auf den Wiesen, die Bäume standen in Blüte und es ging auf Ostern zu – in Griechenland eigentlich ein unumkehrbares Signal für den bevorstehenden Sommer.

Diese Rechnung hatten im Jahr 1998 aber alle ohne Zeus gemacht, der wohl mal wieder von einer seiner vielen Geliebten betrogen worden war, so wie er umgekehrt ja auch sie des öfteren betrog. Jedenfalls bekam er einen Wutanfall und begann mit Blitzen um sich zu schleudern.

Diese schlugen auf der Erde ein - und zwar in Gestalt einer arktischen Kaltfront, die mit einem Affenzahn von Skandinavien nach Hellas unterwegs war. Über Nacht fiel das Thermometer um mehr als 20 Grad. Es  regn...- falsch, es schneite! Ach was, ein Schneesturm fegte über Nord – und Mittelgriechenland und legte komplett das öffentliche Leben lahm.

Pech für mich war, dass ich just zu diesem Zeitpunkt meine Freunde in Porto Cheli besuchen wollte, jenem Hafenstädtchen am südlichen Zipfel des östlichsten Fingers des Peloponnes. 200 Kilometer von meinem Bergdorf bei Aigion entfernt, also schlappe drei Stunden mit dem VW Bus. Denkste!

Schon am Morgen des 29. März lag die Schneegrenze knapp oberhalb des Meeresspiegels bei etwa 50 Metern Meereshöhe. Die Straßen waren matschbedeckt, die Berge rund um den Golf von Korinth in dichte Schneewolken gehüllt, die Temperaturen lagen bei 2 -3 Grad über Null.

Ich fuhr los, trotz des Wetters. So was kann doch einen VW Bus–Fahrer aus dem hohen Norden nicht schrecken!

Bis nach Korinth auf nassen Straßen ging es noch ganz gut voran. Dann musste ich nach Südosten in die Argolischen Berge abbiegen. Kaum war ich oberhalb der Schneegrenze, wurden die Straßen weiß. Ich hatte Glück, dass weder viel Verkehr war, noch die Steigungen zu steil wurden. Ich kam durch bis Palaia Epidauros und wusste, nun würde es schwierig werden. Ich musste nämlich über einen Pass.

Wobei "Pass" eigentlich zu hoch gegriffen war. Die Passhöhe lag auf unglaublichen 500 Metern und führte am Berg Didima vorbei, der immerhin stolze 1100 Meter aufzuweisen hat.

Hier ging es nicht mehr weiter. ©Peer Millauer

Es kam, wie es kommen musste. Der Anstieg zur Passhöhe war zwar gut ausgebaut, hatte aber immerhin 6-8 Prozent Steigung. Mit jedem Höhenmeter nahmen Schnee und Schneetreiben zu und kurz vor der letzten Serpentine musste ich runterschalten, verlor dadurch Schwung und blieb prompt vor der Kurve mit durchdrehenden Hinterreifen stehen.

Was tun? Ketten hatte ich keine dabei (es war Frühling und ich war in Griechenland!) und ich schaffte es auch im zweiten und dritten Anlauf nicht, die Kurve zu kriegen.

Also drehte ich um und rutschte mehr als dass ich fuhr die Straße wieder runter bis nach Epidauros. Dort verbrachte ich eine kalte Nacht – brrrr! – ohne Standheizung auf dem Parkplatz beim Hafen. Immerhin versöhnte mich ein gutes Essen in der Taverne mit den Bedingungen, und der ein oder andere Ouzo trug auch seinen Teil zur inneren Erwärmung bei.

 ©Peer Millauer

Am nächsten Morgen weckte mich die Sonne. Der Zorn des Zeus war verraucht und die Wolken der Wut hatten sich verzogen. Ein heißer Nescafé brachte mich auf Trab und ich ging es erneut an. Passstraße, die Zweite!

Diesmal ohne Probleme. Die Straße war geräumt (!) und abgetaut. Nur die Schneeberge links und rechts der Straße ließen noch erahnen, welches Chaos am Tag vorher hier geherrscht hatte.

Natürlich hielt ich, oben angekommen, erst mal an und klopfte meinem treuen Bulli auf die nicht vorhandene Haube. Geschafft! Die weitere Strecke ging nur noch bergab und man konnte es rollen lassen.

In Porto Cheli angekommen hatte ich natürlich was zum Erzählen. Meine Freunde hatten sich schon gedacht, dass es schwierig werden könnte mit all dem Schnee. Sie hatten in den Nachrichten den Straßenbericht mitverfolgt und hatten sich natürlich Sorgen gemacht. Ich hatte sie aus Epidauros angerufen, und sie waren froh, dass mir nichts passiert war.

Der Bus blieb für die nächsten anderthalb Jahre mein treuer Begleiter in Hellas und wir unternahmen viele schöne Ausflüge auf den Peloponnes und auch nach Nordgriechenland. Überall trafen wir nur auf freundliche Menschen, die beim Anblick des Bullis immer ein Lächeln auf den Lippen hatten. Nette Begegnungen und anregende Gespräche waren oft die Folge.

Es ist übrigens sehr bemerkenswert, wie viele VW Busse der T2-Modellreihe es immer noch bis heute in Griechenland gibt und auch gefahren werden. Im Verhältnis zur Gesamtzahl der zugelassenen Fahrzeuge viel mehr als hier in Deutschland!

Ich habe übrigens eine ganze Menge Fotos von VW Bussen, die hier in Griechenland zur Entsorgung in der freien Natur abgestellt worden sind und die auf einen Erwecker warten, einen Prinzen, einen Liebhaber, der sie wieder wachküsst... Bullis  – deutsche Wertarbeit – setzen zwar Patina an, aber sie gehen nicht kaputt. Sie stehen und warten...

Den Adler des Fünfmarkstückes habe ich lange vor mir her gefahren. Bis dann eines Tages der Zoll auf uns aufmerksam gemacht wurde....

Was dies für Folgen hatte, und wie ich meinen VW-Bus von Griechenland wieder nach Deutschland zurück gebracht habe, ist eine andere Geschichte!
Fortsetzung folgt!

Viele Grüße an alle Bullifreunde! Peer Millauer

von Gerhard Mauerer