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Große Sprünge mit dem Hupfer

Wie Inge und Jürgen Wieland mit einem VW Bus aus einer einfachen Berghütte ein attraktives Erlebnisrestaurant mit schönem Biergarten machten und warum die Polizei sofort etwas dagegen hatte.

 ©eba

Dass der höchstgelegene Biergarten in der Region Heilbronn heute wie ein Magnet Besucher aus nah und fern anzieht, liegt an einem weißen T3-Bulli, der 13 Jahre lang als "Heuchelberghupfer" seine Dienste tat und in der Region zu einer richtigen Institution geworden ist. Von ihm gibt es heute nur noch ein historisches Bild, das Jürgen Wieland meist in der Brieftasche hat.

Um zu verstehen, wie der Bulli zu seinem Namen kam, muss man im schwäbisch-fränkischen Sprachraum kundig sein: Ein "Hupfer" ist nichts anderes als ein Sprung, ein Hopser oder auf Hochdeutsch ein Hüpfer. Und Heuchelberg steht für einen Höhenzug, dessen Südhänge das "Zabergäu" vor kalten Nordwinden schützen und für ein sehr weinträchtiges Klima sorgen. Rundherum wachsen hervorragende Lemberger, Spät- und Weißburgunder, Rieslinge, Samtrot und die lokale Spezialität Schwarzriesling - ein Paradies für Winzer und Weinzähne.

Der aktuelle Hupfer ©eba

313 Meter über dem Meeresspiegel überragt am östlichen Ende des Heuchelbergs die "Warte", ein historischer Turm, den ehemaligen "Württembergischen Landgraben". Graf Eberhard im Barte und seine Mannen schützen sich mit diesem "Schwäbischen Limes" gegen Einfälle aus dem Norden und kassierten Zölle.

Heute weht die Gemeindeflagge von Leingarten auf dem (1805 geschleiften und 1897 wieder aufgebauten) Turm, der hauptsächlich über zwei Wanderwege des Schwäbischen Albvereins erreicht wird. Natürlich führen kreuz und quer durch die ausgiebigen Weinberge auch befestigte Straßen, aber nur für landwirtschaftlichen Verkehr.

Den fantastischen Panoramablick vom Stuttgarter Fernsehturm bis zum Königsstuhl bei Heidelberg oder zum Katzenbuckel im Odenwald zu genießen, lohnt für viele den mühsamen und steilen Aufstieg. Bis in die 90er Jahre bot eine kleine Waldwirtschaft eine Vesper und natürlich Wein.

Diese Waldwirtschaft stand 1992 zum Verkauf und das reizte Inge und Jürgen Wieland. Sie hatte in Heilbronn ihr Diplom in Touristik-Wirtschaft gemacht, er war Berufsausbilder bei Audi in Neckarsulm. Schon als Studentin hatte sie nebenher in der Gastronomie gejobbt und mit einer Freundin sogar eine kleine Lokalität betrieben.

Der erste Hupfer ©eba

Inge und Jürgen Wieland kauften die Hütte und einen gebrauchten weißen T3, klebten blaue Herzen darauf und glaubten an ihr Geschäftsmodell: Als "Heuchelberghupfer" sollte er potenzielle Gäste von einem unten liegenden Wanderparkplatz aus zur Hütte bringen, um ihnen den anstrengenden Aufstieg zu ersparen.

Doch außer gestandenen Wanderern kamen nur wenig Besucher. Als dann nach zwei Wochen auch noch der klapprige Turbodieselmotor den Geist aufgab, mussten sie für 7.000 Mark einen neuen kaufen und sich in Schulden stürzen.

Mit neuer Turbokraft lief und lief und lief der Bulli, im Schnitt fuhr er täglich 20-mal zwei Kilometer den Berg rauf und runter, im Sommer luftgekühlt ächzend, im Winter mit Ketten und nie richtig heißer Heizung.

Offizielle Bedarfs-Haltestelle ©eba

Kaum war die Idee in die Tat umgesetzt, wurde sie von Amts wegen als Verstoß gegen das Personenbeförderungsgesetz verboten. Das war ein herber Rückschlag und führe zu Umsatzeinbußen. "Da machte meine Frau den Taxiführerschein und wir meldeten unseren Hupfer ordnungsgemäß als Mietwagen mit Fahrer an."

Das sprach sich schnell herum: Man nutzt das Auto bis zum Wanderparkplatz P4, kurbelt an einem dort am Haltestellenmast montierten Feldtelefon zwei bis dreimal und wartet, bis sich die "Bergstation" meldet und den Heuchelberghupfer auf Talfahrt schickt.

Seither dürfen pro Tour bis zu acht Gäste befördert werden. Auch die 2005 angeschaffte T5 Caravelle mit 2,5-Liter TDI und Syncro-Allradantrieb hat acht Sitzplätze. "Ohne unseren Hupfer wären wir pleite gegangen", sagt Wieland, der die täglichen Tortouren als knallharten Dauertest beschreibt: "Unser Bulli fährt praktisch den ganzen Tag nur Steigungen."

Bedarfs-Mobilität im steilen Weinberg ©eba

Und prompt ging es auch mit der Wirtschaft bergauf. Jürgen Wieland stieg bei Audi aus und wurde Gastronom, seine Inge verkaufte ihr Dekorationsgeschäft und vermarktet seither mit ihrem Touristik-Fachwissen die Heuchelberger Warte, die auch einen respektablen Internet-Auftritt hat.

Vielleicht ist der Erfolg auch der Tatsache zu verdanken, dass man der Linie treu blieb, die Natur nutzte und niemals das neumodische Wort "Shuttle" in den Mund nahm.

Die Hütte und ihr Heuchelberghupfer stehen heute für eine naturnahe Erlebnisgastronomie - gern gebucht und besucht von Firmen, Ausflüglern, Vereinen, Hochzeitern, Radfahrern, Familien mit Kindern, und nach wie vor von vielen Wanderern. Für Bulli-Fans, die in diese Gegend reisen, ist sie sicher einen Abstecher wert. Mehr Infos: www.heuchelberg.com

Technische Daten

Modell: T5 Caravelle Syncro

Baujahr: 2005

gefahrene km: ca. 65.000

weiteste Fahrt: vom Händler zum Heuchelberg

Hubraum: 2,5 Liter 

Leistung: 96 kW

Sitze: 8

 

Ernst Bauer