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Heimfahrt mit Hindernissen

Felix Schleiermacher hat bei unserem Castrol-Gewinnspiel zwölf Liter Motorenöl gewonnen. Der Geigenbaumeister aus Hamburg fährt seit 25 Jahren einen T1-Bulli (Bj.1965), mit dem er bei seinen Urlaubsreisen auch technische Abenteuer erlebte.

Als ich Mitte der 80er Jahre von meinem ersten Bulli (Bj. 1966) wegen zu hohem Schweißaufwand sowie reparaturbedürftiger Vorderachse und Bremsen Abschied genommen hatte, sah ich am Straßenrand einen blauen T1 Bulli in einem relativ guten Zustand.

Auf einem briefmarkengroßen Papierschnipsel hinterließ ich unter den Scheibenwischer geklemmt meine Telefonnummer mit der Frage, ob der Bus zu verkaufen sei.

Noch am selben Abend erhielt ich einen Anruf: Der Bus werde nach einem Umzug nicht mehr benötigt und sei zu haben. 900 Mark sollte er aber schon noch bringen.

Eine Woche später war ich stolzer Besitzer des Bullis (Bj. 1965), zu dessen Vorbesitzern auch das Technische Hilfswerk gehört.

In den Schulferien war der Bus mit seinen 34 PS immer ein treuer Begleiter in Länder wie Portugal, Frankreich, die Schweiz, Italien, Holland, Österreich, Griechenland, England, Dänemark und Schweden. Ab und zu verlangten die Reisen mit dem Bus mir allerdings auch viel Durchhaltevermögen ab, um wieder mit ihm nach Hause zu kommen.

So zum Beispiel auf einer Rückfahrt von London: Auf dem dortigen Autobahnring verabschiedete sich das Ausrücklager, sodass das Kupplungspedal nicht mehr gedrückt werden durfte, um nicht noch mehr Schaden an der Andruckplatte der Kupplung zu verursachen. Nachdem ich das jedoch noch einmal versehentlich bei der Auffahrt auf die Fähre getan hatte, war klar, dass die Fahrt auf der anderen Kanalseite so nicht mehr weitergehen konnte. 

In Belgien angekommen, stellte ich dazu noch fest, dass auch der Anlasser keinen Mucks mehr von sich gab. Da die Kupplung nicht mehr betätigt werden durfte, legte ich den zweiten Gang ein, schaltete die Zündung ein und schob den Bus mit eingelegtem Gang an. Wenn der Motor dann startete, rannte ich nach vorne und setzte mich in das laufende Fahrzeug.

Eisregen setzte ein und ich suchte einen Unterstand, um den Schaden zu inspizieren. In einer offenen Lagerhalle am Weg (zum Glück gab es dort einen Palettenhubwagen) baute ich den Motor aus. Die losen Teile des defekten Ausrücklagers hatten vier von den sechs Andruckfedern der
Kupplungsplatte abgeschlagen und eine von den zwei verbliebenen Federn hatte sich zur Hälfte gelöst.

Niedergeschlagen baute ich den Motor wieder ein und hoffte, dass die zwei Federn noch genügend Andruckkraft auf die Kupplung aufbrachten, um auch Bergfahrten zu schaffen. So ging die Fahrt dick eingepackt in Jacke und Decke halb erfroren weiter - ohne Anlasser und nur im zweiten Gang. 26 Stunden ohne Pause, meist auf dem Standstreifen der Autobahn - vom belgischen Fähranleger bis in das winterlich verschneite Mittenwald an der Grenze zu Österreich.

Neigten sich die Benzinvorräte dem Ende zu, wählte ich Tankstellen, deren Gelände leicht abschüssig war, da bei einem ansteigenden Untergrund das Anschieben alleine mit eingelegtem Gang fast nicht möglich war. 

 

Fotos: Felix Schleiermacher

Beim Grenzübergang, damals noch mit Ausweiskontrolle, musste ich den Motor abwürgen, obwohl es leicht bergauf ging. Dem Zollbeamten teilte ich betont nebenher mit, dass der Anlasser defekt sei. Er half mir sogar beim Anschieben und riet mir noch, ich solle doch den Gang herausnehmen, sonst ginge es nicht.

In Mittenwald angekommen holte ich erst einmal ein bisschen Schlaf nach und bevor die Arbeit drei Tage später erneut begann, lief der Bus bereits wieder. Erlebnisse wie dieses hatte ich mit dem Bulli noch einige. Inzwischen wurde er aber sandgestrahlt und restauriert und dient mir auch nicht mehr als einziges Fahrzeug, schon gar nicht im Winter.

Felix Schleiermacher