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45 Jahre VW Bulli – Eine Lovestory

Der Berliner Hu-Ping Chen fährt seit 45 Jahren VW Bullis. Der erste war ein T2, es folgten mehrere T3. Sein bewegtes Bulli-Leben teilt Hu-Ping hier mit uns.

Hu-Ping mit seiner Frau und T3 im Jahr 2020 in Polen auf der letzten Reise vor Corona.

 ©Hu-Ping Chen

Hallo Bullifreunde!

Nachdem ich mir im Jahr 1976 meinen Führerschein erfolgreich erkämpft hatte, entdeckte ich bei einem Gebrauchtwagenhändler mein Traumauto, einen von der Bundeswehr ausgemusterter VW-Bulli T2. Natürlich in Nato-Olive und zu einem erschwinglichen Preis - damit begann eine bis jetzt 45-jährige Liebe, die wohl nie enden wird. Leider habe ich von diesem T2 keine Fotos mehr.

Ich machte gerade mein Abitur auf der Abendschule, und der Neunsitzer begleitete meine Klassenkameraden und mich sicher, wenn auch nicht besonders schnell, zu Partys und auf Klassenfahrten.

Hier merkte ich auch sehr schnell, dass man mit einem VW-Bus begehrter war als mit einem Porsche und wie mein Freundeskreis in Windeseile anwuchs. Denn so ziemlich jedes Wochenende musste einer von meinen Freunden umziehen. Immerhin passten in einen VW T2 locker eine komplette Zwei-Zimmerwohnung mit Küche.

Wenn ich nicht gerade auf Umzugsmission war, hängte ich Vorhänge an die Fenster, packte eine Matratze und eine Kühlbox in den Bulli und los ging’s in die Natur.

Im Jahr 2012.

 ©Hu-Ping Chen

In den 70ern war das mit dem Übernachten noch relativ einfach, man stellte sich einfach an einen ruhigen Ort im Grünen und genoss das Leben.

Allerdings konnte es einem schon mal passieren, dass man versehentlich in die Terrorfahndung gegen die RAF geriet und nachts durch ein sehr penetrantes Klopfen geweckt wurde.

So geschehen im Harz, nach dem Klopfen öffnete ich mit verschlafenen Augen in Unterhose die Schiebetür und sah ich mich von Polizisten mit Maschinenpistolen umringt, und der Bulli wurde durchsucht.

1985 mit dem ersten T3 in Frankreich.

 ©Hu-Ping Chen

Nachdem sich aber herausstellte, dass ich nur ein naturliebender Bullifahrer war, machte sich sowohl bei den Polizisten wie auch bei mir die Erleichterung deutlich bemerkbar. Ich blieb noch einige Tage im Harz und wurde nun fortan von den dort ansässigen Polizisten immer freundlich gegrüßt.

Trotz der vielen schönen Erlebnisse trennte uns im Jahr 1979 schweren Herzens ein Schaden im Lenkgestänge, der aufgrund akuten Geldmangels nicht beseitig werden konnte, voneinander.

 ©Hu-Ping Chen

Allerdings setzte ich meinem Stiefvater mit meinen Bulligeschichten einen Floh ins Ohr (oder eine Schraube ins Gehirn) und er entschied sich, einen von den neuen T3, Baujahr 1980, als Wohnmobil zu kaufen. Eine junge Familie wollte ihn damals wegen ihres frischen Nachwuchses verkaufen. Sie hatten ihn gerade ausgebaut und gaben ihn sehr günstig zusammen mit der Adresse von „Sundrive“, einem kleinen neugegründeten Laden für Wohnmobilausbauten, an uns ab. Kurz nach der ersten gemeinsamen Fahrt starb leider mein Stiefvater, und so erbte ich den Bulli.

Während meines Studiums sorgte die zwölf Liter schluckende, fahrende Freiheit für ein chronisches Loch im Geldbeutel, trotzdem schaffte ich es, während der Semesterferien bei meinen Fahrten durch Frankreich langsam zum Franzosen zu mutieren.

Tierischer Besuch.

 ©Hu-Ping Chen

Der Bulli mit dem Schiebdach war besonders beliebt bei einheimischen Tieren, wie Ziegen und Hornissen, die sich gern mal im Wageninneren aufhielten und sich nur mit viel Überredungskunst (was ich nur zu gut verstehen konnte) zum Gehen bewegen ließen, nicht ohne duftende Andenken zu hinterlassen.

Nach dem Studium war es finanziell etwas entspannter, jedoch war das Reisen nun zeitlich wesentlich begrenzter.

Nach mehr als zehn Jahren und vielen schönen Reisen gab ich meinen Beruf auf und begann ein neues Studium. Um das Studium zu finanzieren, fungierte mein Bulli nun als Messebus und ich fuhr für eine Computerzubehörfirma an den Wochenenden auf Messen.

Auf dem Weg nach Venedig im Jahr 1987.

 ©Hu-Ping Chen

Mein Bulli war die optimale Übernachtungsmöglichkeit und während der Fahrt der geeignete Frachtraum für die Messeware. Dies ging eine Zeitlang gut, bis das Schiebedach undicht wurde und ich mich nach zwanzig Jahren mit dem Gedanken vertraut machen musste, dass die Zeit der Trennung in furchtbare Nähe rückte.

Ein guter Freund und Kollege, mit dem ich gemeinsam auf Messen unterwegs war, erkannte das Problem. Er handelte leidenschaftlich gern mit Autos und überraschte mich im Jahr 1999 eines Tages damit, dass er für mich einem VW-Bus günstig gekauft hatte. Er bot mir an, wenn ich wollte, könnte ich ihn haben, sonst verkauft er ihn weiter.

Unterwegs mit Motorrollern im Jahr 2010.

 ©Hu-Ping Chen

Ich sah mir den T3 an, es war wirklich nicht mein Traumwagen und er fuhr grottenschlecht. Das änderte sich allerdings, nachdem ich dem „Neuen“ 2,5 Liter Öl spendierte und das Kühlwasser aufgefüllt hatte. Dazu muss man allerdings sagen, nachdem ich zehn zehn Liter Wasser eingefüllt hatte, informierte ich mich erstmal, wieviel Kühlwasser eigentlich in einen T3 reinpasst, da mir schleierhaft war, wo das ganz Wasser hinfloss. Aber es hatte so seine Richtigkeit.

Da der Turbodiesel nun recht flott und der Verbrauch mit 7-8 Liter durchaus akzeptabel war, entschloss ich mich, ihn doch zu behalten. Mit vielen Teilen aus dem ersten Bus und Sundrives Hilfe fing ich an, den T3 wohnlich zu machen.

Im Laufe der Jahre wurden die Inhaber von Sundrive und ich gute Freunde und während der Semesterferien half ich dort immer wieder gern aus. So lernte ich nebenbei auch den professionellen Ausbau von Wohnmobilen.

Unterwegs in Südengland im Jahr 2011.

 ©Hu-Ping Chen

Inzwischen begann ich meinen Job als Koordinator eines Graduiertenkollegs in der Klinik, wo ich auch für die Betreuung der Doktoranten zuständig war, und lernte zu der Zeit meine jetzige Frau kennen. Uns verbindet nicht nur die Liebe zu unserem gemeinsamen Fachgebiet, sondern auch die Liebe zum Reisen.

Nach vielen kleinen Reisen mit unserem T3 beschloss ich, ihr einen Lebenstraum zu erfüllen und wir unternahmen mit unserem Bulli unsere erste gemeinsame große Tour durch Südengland. Anscheinend sind viele Engländer T3-Fans (dort heißt er wohl T25), jedenfalls gewöhnten wir uns daran, das man den Bulli auf den Campingplätzen gern fotografierte.

Anders als mit normalen Wohnmobilen konnten wir hier auch Straßen befahren, die für Wohnmobile gesperrt waren, weil es für die großen Wohnmöpse zu eng war. Der T3 kam überall durch und hatte den Vorteil gegenüber den Pkws, dass wir über die Hecken schauen konnten und auf diese Weise mehr von der Landschaft sahen.

Alles in allem eine Traumreise durch Capability Browns Land, von den Lost Gardens of Heligan vorbei am Minack Theater bis nach Lands End.

Der Funkbus vorher.

 ©Hu-Ping Chen

Auf der Rückreise erwischte uns dann aber ein Motorschaden in Brügge. Ich konnte den ADAC überzeugen, den Wagen nach Berlin in meine Werkstatt zu schleppen. Zu meinem Entsetzen hatte der Werkstattleiter, mit dem ich seit Jahren befreundet war, während unserer Reise einen Schlaganfall gehabt und war dabei, die Werkstatt aufzulösen. Unseren alten T3 zu reparieren, lohnte sich nun nicht mehr, also überlegten wir neu. Einen normalen Pkw brauchen wir nicht, es sollte wieder ein Wohnmobil werden.

Also entschloss ich mich, wie ich es mal gelernt hatte, um eine rationale Entscheidung zu treffen, alle in Frage kommenden Fahrzeuge in einem Scoringmodell zu vergleichen. Das Ergebnis war eindeutig, und so entschieden wir uns für das unsinnigste und irrationalste Fahrzeug auf der Liste, aber mit dem höchsten emotionalen Score – es sollte wieder ein VW-Bulli T3 werden.

Nach der Traumreise mit dem letzten T3 schloss sich meine Frau dieser Entscheidung mit Begeisterung an. In meiner alten Werkstatt, die geschlossen wurde, stand in der Ecke noch ein stark verstaubter 85er T3 Funkbus von der Bundeswehr mit knapp 20.000 km auf der Uhr, den wir zum Freundschaftspreis bekamen. Ein Projekt war geboren.

Nach der Lackierung.

 ©Hu-Ping Chen

Nun war ich auf der Suche nach einer neuen Werkstatt, was sich als sehr schwierig herausstellte. Wir fanden eine Werkstatt, die uns den Bus umbaute, allerdings stellte sich später heraus, dass diese „spezialisierte“ VW-Bus-Werkstatt kein Glücksgriff gewesen war. Es muss leider bis heute noch viel nachgebessert werden, aber das ist eine andere lange Geschichte.

Nun wurde der Bus von mir komplett entkernt und die aus dem Vorgängerbus geretteten Teile wieder eingebaut. Da wir für den Umbau unsere Ersparnisse aufgebraucht hatten, kam es gerade recht, dass ich bei meinen Freunden von Sundrive (der kleine Laden für Wohnmobilausbau) die Urlaubsvertretung übernehmen konnte, im Gegenzug bekam ich die Teile, die ich für unseren Dicken brauchte. So konnte ich unseren „neuen“ Bus (der nun auch aussah wie neu), mit meiner Erfahrung und den neuen Teilen kompromisslos so ausbauen, wie wir uns das immer erträumt und gewünscht haben.

In Frankreich.

 ©Hu-Ping Chen

Da meine Frau und ich Dr. Who-Fans sind und unser T3 die Farbe, die Größe und Form einer TARDIS hat (für nicht eingeweihte, die TARDIS ist das Raumschiff von Dr.Who), heißt er nun auch TARDIS…und noch eines hat er mit der TARDIS gemeinsam: er ist …bigger on the inside… genau genommen ist er eine fahrende Dreizimmerwohnung (Wohnzimmer, Schlafzimmer und Esszimmer) mit Küche und Klo. (Manchmal ist er auch mein Spielzimmer ;-). Er hat jeglichen Komfort, den wir uns wünschen. Nun konnten die Reisen wieder losgehen.
 
Inzwischen fährt uns die Tardis auch schon wieder seit zehn Jahre durch Europa und sieht noch fast so aus wie am Anfang.

Neben vielen Kurzreisen innerhalb Deutschlands sind wir schon durch fast ganz Europa gefahren, es ginge jedenfalls viel schneller, die Länder aufzuzählen, in denen wir noch nicht waren.

Ich denke, dass jeder Fahrer eines VW-Bullis weiß, wovon ich rede, wenn ich sage mit einem Bulli zu reisen ist mehr als nur Reisen - es ist ein Lebensgefühl.

Hu-Ping Chen