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Im T3 bis nach China

Mit einem 17 Jahre alten T3 haben Martin Klouth und Hans-Günter Blau 2007 bei ihrer Tour nach Peking 32.000 Kilometer durch 17 Nationen zurückgelegt, drei Wüsten (Karakum, Taklamakan, Gobi) durchquert, fünf Pässe über 3.000 Meter erklommen, die tiefste Stelle mit 150 Meter unter dem Meeresspiegel erreicht und eine klimatischen Bogen mit Temperaturunterschieden von -1 bis +57 Grad Celsius erlebt.

Martin Klouth und Hans-Günter Blau in Köln. ©Hans-Günter Blau

Eine Reise von Deutschland nach China sieht normalerweise so aus, dass man in Frankfurt ein Flugzeug besteigt und nach einigen Stunden in Peking oder einer anderen großen Stadt Chinas den dortigen Flughafen verlässt. Auch mit Bus und Bahn gelangt man ans Ziel. All das haben wir schon hinter uns. Selbst mit dem Frachtschiff ist Günter, damals noch aktiver Kapitän in der Handelsschifffahrt, bereits in China eingereist.

Eines ist uns allerdings bis 2007 immer verwehrt geblieben: eine Reise mit dem eigenen Auto über die klassische Route der Seidenstraße nach Peking. Dieser Weg war über Jahrtausende die einzige Möglichkeit, aus Europa über Zentralasien das Reich der Mitte zu erreichen.

In 2007 öffnete sich für uns ein kleines Fenster, um unseren Plan zu verwirklichen. Die Städtepartnerschaft Köln-Peking jährte sich zum 20. Mal. Zu diesem Anlass begannen wir sozusagen mit offiziellem Rückenwind mit der konkreten Planung. Wir kalkulierten, dass auf Grund dieses Ereignisses, gepaart mit dem Wunsch Chinas, sich anlässlich der Olympiade 2008 in Peking als weltoffenes Land zu präsentieren, die Chancen für die Verwirklichung unseres Vorhabens so gut wie noch nie waren.

Trotz zunächst negativer Bescheide von verschiedenen chinesischen Reisebüros konnte uns keiner von unserem Vorhaben abbringen. Zuletzt bot sich uns die Möglichkeit, von Holland aus unsere Einreise nach China zu organisieren. Wir nahmen dieses Angebot an.

Hier können wir noch vorbei. ©Hans-Günter Blau

Auf der Seidenstraße

Als Untersatz bot sich uns ein alter T3 Syncro. Keine Elektronik, alles konventionelle Technik. Da wir beide keine Ahnung von Kfz-Technik haben und auch nicht die Absicht hegen, uns in diese Richtung weiterzubilden, brauchten wir ein Fahrzeug, das wir notfalls in China oder besser in der Mongolei stehen lassen konnten, um bei Bedarf mit dem Flugzeug die Heimreise anzutreten.

Die Route führt uns über die Türkei in den Iran und weiter nach Turkmenistan, Usbekistan und Kirgistan. Alle diese Länder stellten keine großen Probleme dar. Einmal im Land, waren wir völlig frei in der Wahl unserer Reiseroute.

Bereits in Anatolien erfährt man einen ganz anderen Aspekt von Richthofens Seidenstraße: Nördlich des 30. Breitengrades verläuft Carl Jaspers Achse der Kulturen. Auf dieser Ost-West-Achse liegt die Wiege aller bis heute bedeutenden Kulturen. Alle fünf Weltreligionen haben ihren Ursprung auf dieser Linie.

Diese Gedanken bewegen mich bei der Fahrt über den Euphrat und als wir dem 5.600 Meter hohen Berg Ararat gegenüberstehen, der sich einsam über die weit niedrigeren Berge der Umgebung in die Regionen ewigen Eis und Schnees ragt. Auf den Hängen dieses Berges soll die Arche Noah nach der Sintflut wieder festen Boden erreicht haben.

In Chinas Westen. ©Hans-Günter Blau

In Turkmenistan

Mystische Orte treffen wir auch im Iran. Orte, an denen die traditionellen persischen Feuerriten praktiziert wurden. Zarathustra hat diese Riten später in seine religiösen Praktiken integriert. König Daraios soll hier schon diesen Zeremonien beigewohnt haben. Heute steht der Ort als Weltkulturerbe unter dem Schutz der Unesco. Im Osten des Iran werden wir dann wieder mit der Wirklichkeit konfrontiert. Mit den Folgen des alltäglichen Wahnsinns dieser Region in Form von Lagern afghanischer Flüchtlinge.

Turkmenistan macht das Reisen für ausländische Touristen mit eigenen Fahrzeugen so unattraktiv wie möglich. Wer dennoch durch das Land reisen will, tut gut daran, sich einen örtlichen Führer zu arrangieren. Die Bestimmungen sind so nebulös und doch zwingend, dass man ohne einen solchen in große Schwierigkeiten kommt. An jeder Straßenecke befindet sich eine Polizeikontrolle. Die Route, die man bei der Einreise am Zoll angeben muss, wird jedes Mal auf Einhaltung geprüft. Ein Abweichen kann unmittelbar zur Ausweisung führen.

Doch der hartnäckige Tourist wird belohnt. Es gibt viel zu sehen in diesem Wüstenland. Vieles aus den Anfängen der menschlichen Zivilisation. Ausgrabungsstätten, die den Sommer über unbewacht mitten in der Wüste liegen. Erst im Winter sind die Temperaturen so, dass die Forscherteams aus den USA ihre Arbeit fortführen können.

Die Hauptstadt Turkmenistans stellt eine andere Form des Wahnsinns dar: Asgabar, eine Komposition aus weißer, surrealistische Architektur in grünen Parks mit blauen, plätschernden Wasserläufen inmitten der Wüste, aber ohne Menschen. Eine Geisterstadt. Im Zentrum der Diktator als Sonnenkönig. Auf einem 70 Meter hohen Sockel dreht sich seine Statue, die ausgestreckte Hand gen Himmel gerichtet, mit dem Laufe der Sonne. Aber nein, er geht fünf Minuten vor, die Sonne folgt seiner Weisung. Absurdistan!

Kashgar ist Chinas westlichste Stadt. ©Hans-Günter Blau

In der Karakum-Wüste

Weiter geht es nach Norden durch die Wüste Karakum. Bei 56 Grad Celsius holpert unser Bus über Wüstenpisten an Baustellen vorüber. Es werden sowohl Straßen als auch Pipelines gebaut. "Nicht aussteigen zum Fotografieren", sagt Sascha, unser Begleiter durch Turkmenistan. "Sonst kann es sein, dass ihr am nächsten Polizeiposten die Filme abgeben müsst." Wir machen unsere Bilder aus dem Auto heraus.

In Usbekistan trifft man dann auf das, was als die klassische Architektur der Seidenstraße verkauft wird. Imposante Gebäude im arabisch-islamischen Baustil, mit aufwändigen Mosaiken und Einlegearbeiten verziert. Wunderbare Motive für zahllose Urlaubsfotos. Das soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie aus der Endzeit der Seidenstraße als Handelsroute stammen.

Die traditionelle Kultur der Seidenstraße, bis dahin weltoffen und tolerant allen Andersdenkenden gegenüber, endet mit der Übernahme des Islam durch die Nachfahren Dschingis Khans. Timur, ein Mongolenführer, für seine Grausamkeit berühmt, wurde kürzlich von den Usbeken zum offiziellen Gründer Usbekistans erklärt und fortan als Vater der Nation verehrt. Ihm sind zahllose Zerstörungen alter, traditioneller Zeugnisse der Seidenstraßenkultur "zu verdanken".

Kirgistan ist der Ärmste der zentralasiatischen Staaten. Vom Segen fossiler Brennstoffe haben die Kirgisen nicht viel, die schönsten alpinen Hochgebirgsregionen sind Enklaven Usbekistans. Auf Schotterpisten, die uns über 3.600 Meter hoch führen, verbringen wir eine Nacht bei Einheimischen in einem Dorf aus Lehmhütten und Jurten bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt.

Beim chinesischen TÜV. ©Hans-Günter Blau

Beim chinesischen TÜV

Am nächsten Tag gelangen wir an die chinesische Grenze. Ein Mitarbeiter des Reisebüros, bei dem wir die Einreisepapiere geordert hatten, empfängt uns. Er ist mit den Papieren aus dem 4.000 Kilometer entfernten Peking angereist, wohl wissend, dass Einzelfahrzeuge von den Provinzregierungen nicht ohne Druck aus Peking ins Land gelassen werden.

Unser Begleiter ist schon seit drei Tagen vor Ort. Er arbeitet sich von Amtsstube zu Amtsstube durch. Immer noch nicht ist klar, ob wir mit dem Auto einreisen dürfen. Die provinzinternen Bestimmungen haben sich geändert, Peking habe darauf überhaupt keinen Einfluss.

Es werden Faxe verschickt, nach Peking und wieder zurück. Immer wieder neue Fragen, wir sollen den T3 stehen lassen und mit dem Bus weiterfahren und so weiter. Es dauert bis zum Abend, als wir endlich in den Bulli steigen und die 160 Kilometer nach Kashgar, Chinas westlichster Stadt fahren.

Es ist Samstag und wir müssen bis Montag warten, bevor wir unser Auto durch den TÜV fahren können. Eine Plakette hinter der Windschutzscheibe bescheinigt uns die Verkehrstauglichkeit unseres Bullis für ein Jahr. In China muss jedes Fahrzeug einmal im Jahr zum TÜV. Die Fahrgestellnummer und Motornummer werden überprüft und wir erhalten eine vorübergehende Zulassung, die wir hinter die Windschutzscheibe kleben. Eine Kopie kommt hinter die Scheibe der Heckklappe.

Endlich geht es wieder weiter. ©Hans-Günter Blau

Wir machen den chinesischen Führerschein

Jetzt zurück in die Stadt ins Volkskrankenhaus. Es folgt eine gründliche Untersuchung: Röntgen, EKG, Augen-, Hals-Nasen-Ohren- und Zahnarzt. Alle müssen zustimmen, dass wir unseren Führerschein machen können. Am Abend sind wir durch.

Kurz vor Feierabend machen wir unseren Führerschein. Einen Kreis fahren, Einparken, Rückwärtsfahren. Das reicht. Chinesischkenntnisse sind nicht erforderlich. Das Abenteuer China mit dem eigenen Fahrzeug kann beginnen.

Einmal im Land, können wir uns völlig frei bewegen. Einzig unser Begleiter vom Pekinger Reisebüro fährt mit. Cong, so heißt der Chinese, spricht verständliches Deutsch, ist 28 Jahre alt und erweist sich als echter Freund. Er will lernen, künftige Autotouristen als Begleiter durch China zu führen. Für uns ist er eine große Hilfe. Denn wer glaubt, mit der neuesten Straßenkarte die abgelegenen Orte zu finden, die wir besuchen wollen, der täuscht sich.

Immer wieder muss Cong nach dem Weg fragen. Zahlreiche Baustellen leiten den Verkehr auf fast unbefahrbare Pisten um. Sehr oft hat der Regen die Straßen mit meterdicken Schlammschichten überschwemmt. Ohne Cong sähen wir ziemlich alt aus. Da nützt auch unser GPS-Gerät nichts.

Mönche interessieren sich für den T3. ©Hans-Günter Blau

Weiterfahrt durch China

Allerdings sind die Hauptrouten in bester Verfassung. Oft gibt es vierspurige Autobahnen wie in Europa. Nur muss man sich daran gewöhnen, dass von Zeit zu Zeit ein Fußgängerüberweg die Fahrbahn kreuzt, Autos auch mal wenden, wenn die Abfahrt verpasst wurde und Servicepersonal, das mit der Pflege der Grünstreifen beschäftigt ist, mit dem Fahrrad auf der Überholspur gegen den Verkehr unterwegs ist.

Es gibt viele Sehenswürdigkeiten in China. Im Unterschied zu den Ländern Zentralasiens, wo man solche Denkmäler zum Teil ganz allein für sich hat, reisen die Chinesen selbst sehr gerne und haben mittlerweile auch das nötige Kleingeld dazu. So lassen sich die wirklich bedeutenden Stätten nur im Pulk mit zahllosen Einheimischen besichtigen.

Immer stehen auch wir selbst mit unserem Auto im Mittelpunkt des Interesses. Fragen nach unserer Heimat, wohin wir wollen und wer wir sind, beantwortet Cong seinen Landsleuten bereitwillig. Interessant ist es, das Nebeneinander von Islam und Buddhismus zu erleben. Im gleichen Dorf kann man den Muezzin über Lautsprecher vom Minarett rufen hören und tibetische Buddhisten um eine Stupa herumgehen sehen.

Weiter Richtung Osten treffen wir immer häufiger auch auf christliche Kirchen. Viele der Orte, die wir auf dieser Reise besuchen, haben wir schon vor längerer Zeit gesehen. Es ist nicht von der Hand zu weisen: China hat sich rasant verändert. Orte, die früher nur über holprige Straßen mit dem Bus erreicht werden konnten, haben sich zu großen Städten entwickelt - mit Anschluss an das Eisenbahnnetz oder gar mit eigenem Flughafen.

Auf dem Tian'anmen-Platz in Peking. ©Hans-Günter Blau

In Peking

Das Netz der Hauptstraßen ist sehr gut ausgebaut. Es gibt Tankstellen wie bei uns in Deutschland, aber wesentlich größer und oft gleich mehrere verschiedene Gesellschaften unmittelbar nebeneinander. Allerdings muss man in China sowohl auf Autobahnen als auch auf Landstraßen eine Straßengebühr entrichten.

Erstaunt sind wir darüber, dass man mit Traveller-Reisechecks in China nicht viel anfangen kann. Auch Dollars werden nicht an jeder Ecke gewechselt, sondern allenfalls in bestimmten Filialen der Bank of China. Kreditkarten werden in den wenigsten Hotels akzeptiert. Am besten funktionieren die normalen Bankkarten im Geldautomat. Aber nur in größeren Städten.

In Peking werden wir offiziell durch die Stadtregierung empfangen. Als Reisende aus der deutschen Partnerstadt Köln zum 20-jährigen Partnerschaftsjubiläum. Ganz Peking ist im Olympiafieber. Überall wird gebaut und dekoriert. Immer wieder werden die noch nicht fertigen Gebäude fotografiert, oft auch mit unserem Auto im Vordergrund.

10.000 Kilometer haben wir bis zur chinesischen Grenze gebraucht, 12.000 Kilometer sind wir durch China gefahren und weitere 10.000 durch die Mongolei und Sibirien zurück nach Deutschland.

Mit zigtausend Bildern, jeder Menge Eindrücken, Erlebnissen und Erfahrungen im Gepäck kehrten Hans Günter Blau und Martin Klouth Ende August 2007 von ihrer Reise zurück. Die beiden Rheinländer wollen ihren Wissens- und Erfahrungsschatz in Sachen China nicht für sich behalten. Das Beratungsbüro SinoCon, geführt von Martin Klouth, bietet Interessierten u.a. für Reiseplanungen, Zoll- und Grenzfragen gern praktische Hilfestellung. Kontakt und weitere Informationen auf der Internetseite www.silk-road-tour.de

Dieser Artikel ist zuerst im "Freizeitguide aktiv - Magazin für Mobiltourismus" (Ausgabe 2/2007) erschienen und wurde mit der freundlichen Genehmigung der Verfasser und der Redaktion hier veröffentlicht.

von Gerhard Mauerer