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Mit dem Bulli auf dem Pfad der Geschichte

Der T1-Samba-Bus (Bj. 1962), der am 8. August 2010 am Urschelbrunnen im baden-württembergischen Nagold parkte, erregte sofort Aufmerksamkeit. Dieses historische Schmuckstück war das perfekte Fahrzeug für eine ungewöhnliche Reise zu weitgehend unbekannten Schätzen der Nagolder Heimatgeschichte.

 ©Andreas Rubisch

So feierte die von der Urschelstiftung veranstaltete Nagolder Bus-Stadtführung ihre Premiere. Die "Urscheltour" ist keine Stadtrundfahrt im herkömmlichen Sinn, sie ist eine Entdeckungsreise zu weniger bekannten und der Öffentlichkeit zum Teil nicht zugänglichen historischen Sehenswürdigkeiten in und um Nagold. Angeregt wurde diese Erlebnisfahrt von Christoph Beck, Mitglied des Stiftungsrats der Urschelstiftung. 

Sein 23-Fenster Samba, ein neunsitziger VW-Bus aus dem Jahr 1962, wäre für kleine Gruppen ein ideales Fahrzeug für Ausflüge und Bustouren, so seine Überlegung. Mit Unterstützung Nagolder Bürger entwickelten Beck und Eckart Kern ein ebenso einfaches wie originelles Konzept: eine Stadtrundfahrt mit einem Oldtimer-VW-Bulli.

Mit 34 PS rollte das VW-Busle durch die Marktstraße. Zusammen mit Christoph Beck als Steuermann und dem Lotsen Eckhart Kern waren bei dieser "Jungfernfahrt" Nagolds Oberbürgermeister Jürgen Großmann, Ilselore Wiedmann, Ulrich Mansfeld, Christel Kern und Andreas Wohlfahrt als Gäste an Bord. Erster Halt in der Emminger Straße: Unter den Häusern an der Ostseite, vom Amtsgericht bis zur Lange Straße, befinden sich teilweise bestens erhaltene Gewölbekeller. 

Eine sorgfältig gemauerte Wendeltreppe ermöglichte der Reisegruppe den halsbrecherischen Einstieg in ein zweites Kelleruntergeschoss. In vier Meter Tiefe erstreckt sich dort ein imposanter Gewölbekeller über eine Länge von rund 50 Metern. Eckhart Kern erklärte, dass das Gebiet entlang der Emminger Straße zwischen 1870 und 1874 als Steinbruch genutzt wurde, in dem der roten Buntsandstein zum Bau der Stadtkirche abgebaut wurde. Nach Fertigstellung der Johanneskirche wurden die entstanden Hohlräume nicht zugeschüttet sondern zu gewaltigen Kelleranlagen ausgebaut.

Nächste Station war das Alte Oberamt, das heutige Polizeirevier. Dort erwartete Revierleiter Teufel die Gäste und präsentierte nicht ohne Stolz sein Büro. Im 18. Jahrhundert war dieser Raum Teil eines Wohntrakts, der Herzog Carl Eugen von Württemberg bei seinen Jagdaufenthalten als Unterkunft diente. Aus dieser Zeit stammt auch die sehenswerte Rokoko-Stuckdecke im Büro des Revierleiters.

Die dritte und abschließende Station führte in die Freudenstädter Straße. An der Front eines Privathauses ist dort ein Wappenstein der württembergischen Herzöge aus dem Jahr 1716 zu bewundern. Das Hoheitsschild hing ursprünglich an der früheren "Stadtschreiberei" und seit 1773 am späteren Oberamtsgericht. Der Stadtbrand von 1850 zerstörte das Oberamtsgericht, der wertvolle Wappenstein wurde gerettet und am besagten Haus in der Freudenstädter Straße angebracht. Heute steht der Wappenstein unter Denkmalschutz und wurde durch eine Kopie ersetzt.

Nach Abschluss der Rundfahrt dankte Oberbürgermeister Jürgen Großmann den Organisatoren der Urscheltour: "Die Nagolder Urschelstiftung setzt Akzente in pädagogischen, sozialen und kulturellen Bereichen. Auch diese Stadtführung ist eine großartige Idee und die heutige Rundfahrt war hoffentlich nur der Beginn einer Erfolgsgeschichte." Auch die anderen Teilnehmer der Jungfernfahrt zeigten sich am Ende beeindruckt von einer so nicht erwarteten Stadtführung.

Da die Organisatoren der Urscheltour noch eine ganze Reihe weiterer Stationen auf dem Fahrplan stehen haben, werden sich zukünftige Teilnehmer dieser Rundfahrten immer auf Überraschungen freuen können.

Dieser Artikel ist zuerst am 11. August 2010 im Schwarzwälder Bote erschienen und wurde anschließend mit freundlicher Genehmigung der Redaktion bei VW-Bulli.de veröffentlicht.

Andreas Rubisch