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Mit dem Bulli in Albanien

Auf dem Weg von der nordalbanischen Grenzstadt Shkoder in die Hauptstadt Tirana machen Hermann Hülder und Angela Feller die Bekanntschaft von freundlichen Einheimischen und verständigen sich mit Händen und Füßen.

 ©Hermann Hülder

Wieder einer dieser pittoresken rostigen, durchschossenen Wegweiser. Ein typisches Fotomotiv. Also aussteigen und fotografieren. Ein Polizist, der von uns unerkannt weiter vorn steht, bedeutet uns, bei ihm anzuhalten. Mit kurzer Geste hält er ein Pferdegespann auf der Gegenseite an, das über und über mit Heu beladen ist und sich malerisch in der Landschaft bewegt. Für den Polizisten ist das ein Motiv, das er den fremden Besuchern mit dem orangefarbenen Bulli als Foto gönnen möchte.

Wir nehmen das Angebot gern an, unterhalten uns dann mit ihm und seinem Kollegen mit Gesten und Wörtern, deren Bedeutung man nur aus Blicken erraten kann. Mit dem Albanischen haben die uns bekannten Sprachen wirklich nur die gemeinsame indoeuropäische Wurzel gemein. Freude über die Begegnung, unser Empfinden zu diesem Land, unsere Herkunft, all das ist mit dem Vokabular der Körpersprache gut auszudrücken.

Wir schenken den beiden eine Deutschlandkarte, auf der wir ihnen unsere Heimat zeigen. Diese ziert Minuten später das Innere des garagengroßen Gebäudes, aus dem nun einer der beiden Polizisten, nachdem Angela die Geste "ist das heiß" auf ihrer Stirn gemacht hat, zwei Dosen holt und uns die Kühlung überreicht. Eine Limonade? – Es ist Amstelbier aus Holland! So stehen wir also an der Landstraße zwischen Shkoder und Tirana und trinken in der Sonne Bier mit Polizisten.

Die ganze Zeit über sitzt neben uns im Schatten eine weiß bekopftuchte Dame, stolz und altersschön. Fotografiert werden will sie nicht. Angela akzeptiert das, beginnt ein "Gespräch", indem man sich über die Kinder und die Lebensweise austauscht, ganz ohne Wörter zu verstehen. "Frau" versteht sich so gut, dass gar beim Abschied herzliche Umarmungen und Wangenküsse die beiden verbindet. Kann man herzlicher in der Fremde willkommen sein? Immer, wenn ich von dieser Begegnung berichte, bin ich vor Glück ganz ergriffen.

Die Straße führt uns über viele Hügel und glatte Straßen zur Hauptstadt Tirana. Am großen Skanderbek-Platz fragen wir einen Mann nach dem Weg. Eine Richtung wird gedeutet. An der nächsten Ecke, wo man hätte fragen müssen, ist der etwa 60-Jährige wieder zur Stelle und zeigt uns die Richtung ungefragt. Da hätten wir ihn auch gleich mitnehmen können. So ist er uns im Verkehrsgewühl vorausgeeilt, um uns zu helfen.

Oh, diese Straße nach Elbasan: 20 bis 30 Zentimeter tiefe Schlaglöcher, feucht vom letzten Wolkenbruch, teils unergründliche Tümpel in der Fahrbahn. Schön langsam, auch mal aussteigen, um zu gucken, ob da vielleicht doch etwas anschrammt... Es wird dunkel, keine Chance auf unversehrte Weiterfahrt. Das Auswärtige Amt rät dringend, Nachts irgendwo angekommen zu sein. Wir kommen an einem Tankstellengelände an. Dort können wir aber nicht stehen bleiben.

Ich gebe zu verstehen, dass nichts mehr geht, ich bin völlig erschöpft vom Fahren auf dieser Schlaglochpiste. Der Kompromiss: zwei Meter weiter mit dem Bulli. Wir stellen das Dach auf, sorgen für Belüftung, holen das kalte montenegrinische Bier aus der Kühlbox und lassen uns nieder für die Nacht in dieser benzinduftgeschwängerten Idylle. Auch der Tankwart auf seinem einsamen Posten bekommt eine der von uns mitgebrachten 1,5 Liter-Flaschen. Wir schlafen tief und fest.

Morgens um halb sechs ist der Verkehr noch so wie um zehn Uhr abends. Unser Badezimmer ist ein geplatzter Schlauch neben dem Gelände. Es gibt lecker Kaffee. Der Tankwart ist noch da, hat auf dem harten Stuhl mit den Beinen auf dem Schreibtisch geschlafen. Wir bringen ihm auch einen Kaffee.

So geht’s dann weiter, neuen Abenteuern entgegen. Für die nächsten 300 Kilometer benötigen wir elf Stunden Fahrt, so wie es der Grenzpolizist voraussagte. Der Bulli hat eine lange Steigung erklettert und zeigt Schwäche: Die Luft zur Kühlung ist dünner geworden.

Dieser und die nachfolgenden Artikel von Hermann Hülder sind in 2010 zuerst in der Wattenscheider Lokalausgabe der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" erschienen und wurden mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors bei VW-Bulli.de veröffentlicht.

Hermann Hülder