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Sieben Quadratmeter Glück. Mein Leben im Camper

Ein Wohnwagen, etwas in die Jahre gekommen, eine Heizung mit Dauerkrise und erstmals auf einem Campingplatz zum Überwintern: Hört sich das nach Endzeitstimmung an? Mag sein. Doch auch hier kommt es drauf an, was man draus macht. Ein Buch zum Beispiel! Marion Hahnfeldt hat eins geschrieben, unser Autor Heiko P. Wacker hat es gelesen. Mit Freude, wie er sagt.

 ©Verlag Delius Klasing

Hallo Bulli- und Campingfreunde!

Sicherlich hat schon mal der ein oder andere von uns damit geliebäugelt, einfach für eine Weile im Bulli zu wohnen. Wenn der Regen prasselt, wärmt die Standheizung, wenn die Sonne lacht, reißen wie die Türen auf. Und wenn uns die Gegend oder die Mischpoke drumherum an die Nerven gehen, dann fahren wir weiter. Alles klar, alles cool. Doch mit dem Wohnwagen geht das mal nicht eben so einfach. Vor allem dann nicht, wenn das eigene Auto als Zugfahrzeug ausfällt. Aber Muscheln, die an Felsen wohnen, soll es ja auch ganz gut gehen ...

Marion Hahnfeldt hat sich sehr bewusst für dieses Abenteuer mitten in Niedersachsen entschieden, hat sich einen Wohnwagen in der Sechsmeterklasse zugelegt, der passende Markenname „Chateau“ sorgt auch gleich für den Kosenamen, und sich die 30 Jahre alte Preziose vom Verkäufer passend zum Purzeltag auf einen Dauerplatz bei Hannover schleppen lassen. Der stellt als Überraschung noch einen Glückwunsch auf den Tisch des Campers, ist dann aber schon weg, so dass sich Marion auf ihr neues Zuhause einlassen kann. Ganz allein.

Die erste Nacht ist gleich mal der Horror.

Doch wächst auch Marion an ihren Aufgaben: Sie lernt den Schlag der Vögel über dem Blechdach schätzen und lieben, genießt das Gefühl der Geborgenheit bei Regen und gönnt sich ein frühes Bad im See, der sich freundlicherweise – nettes Gewässer – direkt vor ihrer Haustür erstreckt. Sie hadert aber auch mit den Unbilden der Situation, denen sie mit unterschiedlichem Erfolg begegnet. Die Truma-Heizung wird irgendwann doch noch repariert, also so im Prinzip und mehr oder minder, und darf in frostigen Nächten sogar durchlaufen, auf dass Marion ohne mehrfache Schichtpackung an Klamotte ins Bett kriechen darf. Das penible Halten der Ordnung auf den sieben Quadratmetern indes will ihr nicht so recht gelingen. Frei nach dem Motto: „Bei mir herrscht Ordnung! Ein Griff – und die Sucherei geht los!“ (Also zumindest bei mir im Bulli ist das so.)

Marion ist aber auch eine exzellente Beobachterin, die die Augen nicht verschließt vor jenen, die auf dem Campingplatz wohnen, weil sie dies wegen der günstigen Mieten müssen – und nicht, weil sie es wollen. Ihre eigene, recht luxuriöse Rolle spiegelt sich ein wenig in diesen Vergleichen, wobei es so viele unterschiedliche Charaktere wie Wohnwagen gibt. Manch einer liebt es geradezu, einen Campingplatz nicht nur als Feriendomizil zu sehen.

In der Art eines lose geführten Tagebuchs nimmt die Autorin ihre Leser mit auf diese Reise durch die Zeit. Und auch, wenn ich sowohl das Thema Wohnwagen wie auch das Thema Campingplatz nun wahrlich kenne, hat mich ihr Buch gefesselt. Wer die Idee hat, sich mit dem Kauf der 204 Seiten abendlichen Lesegenuss für eine ganze Woche zu erwerben, dem sei gesagt: Vergiss es!

Zwei, maximal drei Abende, und auch die nur mit guter Einteilung, länger wird man nicht brauchen, zu sehr sehnt sich die Imagination des Lesers danach, noch den nächsten Tag, noch den nächsten Monat zu genießen, zu flott die Schreibe, zu skurril zuweilen die Begebenheiten. Immerhin wird aus dem Trip auf ein paar Monaten ein Vorhaben, das schließlich mehr als ein ganzes Jahr ummisst – was den Wechsel der Jahreszeiten ins Buch ballert, sowie die Chance, sich auf Marions Beschreibungen der Saisongäste zu freuen, die sie zwar von ihrem Logenplatz am Ufer vertreiben, aber Futter für diverse Charakterstudien liefern. Wenn Schülergruppen, Ehepaare, ein Quartett kreischender Mädels auf einen SUP oder 30 Rammstein-Fans zur Auswahl stehen, und die Rammsteiner noch am wenigsten nerven, dann ist das bezeichnend für Marions Einblicke.

Am Ende des Buchs, einige Interviews mit Menschen, die in Wohnwagen oder Tiny Häusern leben, runden es schön ab, bringt die Autorin das Besondere ihrer speziellen Reise in die Spießigkeit ganz elegant auf den Punkt. Denn irgendwann lebt sie wieder in einer „richtigen“ Wohnung – doch auf dem Wischtelefon hat sie den Sound des Regens, der auf das Dach des Chateaus prasselt. Wer ihr Buch genießen durfte, der weiß, warum das ein ganz wichtiger Soundtrack ist.


Marion Hahnfeldt: Sieben Quadratmeter Glück. Mein Leben im Camper. Verlag Delius Klasing Bielefeld 2021, 204 Seiten, 30 Fotos und Abbildungen, Format 14,2x 22,0 cm, Klappenbroschur, ISBN 978-3-667-12089-2, Preis: 19,90 Euro.

Heiko P. Wacker