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VW Bulli: Die Prospekte von 1950 bis heute

Wenn Mitte April der T6 ins Rampenlicht rollt, dann schaut natürlich die ganze Welt auf den jüngsten Spross aus Hannover. Doch was wäre ein T6 ohne die fünf Generationen zuvor, ohne die seit 65 Jahren andauernde Story des niedersächsischen "ErVolkswagens"? Eben – und deshalb blätterten Christian Schlüter und Christoph Boltze ausgiebig in den Prospekten der Jahre seit 1950, als sich ein kleiner, knubbeliger, zunächst noch in Wolfsburg gebauter Wagen anschickte, das Wirtschaftswunder zu stemmen.

 ©Verlag Delius Klasing

Das Ergebnis war ein in mehrfacher Hinsicht faszinierendes Buch, das nun im Verlag Delius Klasing erschien. Natürlich geht es Christian und Christoph auch um die Highlights, um die „Samba-Busse“, die „Silberfische“, um die Camper oder ein Auto vom Schlage einer „Caravelle Carat“. Sie zerren in ihrem farbenfrohen Kaleidoskop der VW-Werbung aber auch und gerade die Arbeitstiere auf die Bühne: die Krankenwagen, Pritschen, Möbeltransporter. Eben genau die Autos, die nicht unbedingt gepflegt, sondern eher geschunden wurden und werden. Solche VW Busse waren halt schon immer mehr Ver- als Gebrauchsfahrzeug. Bis dann der Kult ins Spiel kommt und die Preise in die Höhe treibt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Christoph und Christian wiederum erzählen die des VW Bulli – der Einfachheit halber versammeln wir jetzt mal alle fünf bisherigen Generationen unter diesem Sympathiebegriff – aus der Sicht der Werbung, und bieten auf 160 Seiten eine Fülle originaler Verkaufsbroschüren. Faszinierend ist hierbei auch, wie sich die Werbung im Laufe der Zeit zu entwickeln vermochte. Da finden sich zunächst mal die schlichten Broschüren der Frühzeit – der erste Prospekt des VW Bulli bot weder Text noch technische Daten, sondern einzig einige Bilder des schlichten Kastenwagens, der noch sein Kennzeichen aus den Zeiten der Nachkriegs- und Besatzungsjahre trug – aus denen sich im Laufe der Modelle immer buntere, immer moderner werdende Motive entwickelten.

Im schwungvoll gezeichneten T1 der Frühzeit – die Werbung setzte damals nicht nur auf Fotos, sondern gerne auch noch auf gemalte Motive voller Dynamik, in denen der Wagen im Verhältnis zu den Menschen noch ein wenig vergrößert dargestellt werden konnte – durfte der Beifahrer noch Pfeife rauchen, durfte die Kinderschar noch unterm geöffneten Sambadach herumturnen. Im kantigen T3 dann fokussiert die Fotografie gerne mal weibliche Modells in malvefarbigen 80er-Jahre-Klamotten – okay, es waren ja auch die 80er – während in aktuellen Prospekten auch mal nüchtern über Themen wie Effizienz und CO2-Ausstoß geredet werden darf. Man wird sehen, wie es beim T6 weitergeht …

Auf den konnten „C & C“ aus drucktechnischen Gründen natürlich nicht mehr eingehen – aber das war auch gar nicht nötig. Denn zum einen sind fünf Generationen ja nun wirklich genug für ein ordentliches Buch. Und zum anderen bietet ein Modellwechsel wie der jetzt anstehende eine gute Gelegenheit, einen Strich zu ziehen.

Am Ende gelang den beiden ein Werk, das jeden Bulli-Fan ansprechen dürfte. Natürlich kennt man das ein oder andere Prospektmotiv, würde ein Buch wie das vorliegende doch kaum ohne die „Klassiker“ funktionieren – alleine das unter Sternen und Palmen parkende T3-Duo „Limited“ ist ein Kunstwerk für sich. Darüber hinaus finden sich aber auch originale Verkaufsbroschüren aus dem Ausland: Wie wäre es beispielsweise mal mit einem Elfsitzer-T5 voller weißer Plüschsessel aus Thailand?

Außerdem konnte exklusives Bildmaterial, darunter teilweise sehr seltene Dokumente aus dem VW-Archiv, verarbeitet werden: In der Szene kennt man Christoph Boltzes Homepage www.vwpix.org, die ein umfassendes Kaleidoskop zu VW-Nutzfahrzeugen bietet – alleine das bürgt für die Vielfalt des Buchs. Zudem wird die Bilderflut mit fundierten Texten in der passenden Dosis garniert. Genau die richtige Mischung also.

Wenn einem denn in den kommenden Wochen der Hype um den T6 zu viel wird – dann kann man ja das sympathische „VW Bulli“-Buch zur Hand nehmen, und ein bisschen auf Zeitreise in die Vergangenheit gehen. Im Falle des Kult-Transporters ist das immerhin eine sehr glorreiche. Und C & C haben die passende Begleitlektüre dazu geliefert …


Christian Schlüter & Christoph Boltze: VW Bulli. Die Prospekte von 1950 bis heute. Verlag Delius Klasing Bielefeld, 160 Seiten, 2 Farbfotos, 185 farbige Abbildungen, 30 S/W Abbildungen, Format 24 x 27,5 cm, gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-667-10120-4, 29,90 Euro.

Heiko P. Wacker